Frauenboxen, der ewige Kampf um Anerkennung 


2012 wurde in Basel 20 Jahre Frauenboxen gefeiert. Basel war in Europa der erste Ort, wo Frauen unter sich Boxen konnten. Das Frauenboxen musste jedoch lange um Anerkennung kämpfen. Dessen Ansehen hat in den letzten Jahren zugenommen, eine Randsportart ist das Frauenboxen jedoch geblieben. 
Frauen die boxen werden unfruchtbar, sind lesbisch, unattraktiv und dumm. Diese Vorurteile, die bis zu den 90er-Jahren sehr verbreitet waren, sind heute noch immer nicht ganz aus der Welt geschafft. Wladimir Klitschko meinte einst, wenn Frauen in den Ring steigen, könne er „gar nicht hinschauen“. Sein älterer Bruder Vitali ergänzte: „Narben machen einen Mann charismatisch. Eine Frau machen sie nicht schöner.“ 
1992 fand erstes Frauenboxtraining statt 


Boxende Frauen gibt es in der Schweiz nicht erst seit 22 Jahren. Bereits in den Jahrzehnten davor gab es einzelne Boxerinnen, die regelmässig Boxtrainings besuchten. Jedoch mussten sie immer mit den Männern zusammen trainieren. Angelo Gallina, damals noch aktiver Boxer, erlebte dies in den 80er Jahren im Boxclub Basel selbst mit. „Diese Frauen taten mir sehr leid.“ Von seinen vielen Reisen nach New York wusste er, dass dort separate Trainings für Frauen angeboten wurden. Angelo Gallina fand dieses Angebot sinnvoll und entschloss sich, zurück in der Schweiz, diese Idee selbst umzusetzen. So fand im Jahr 1992 im Boxclub Basel das erste Boxtraining nur für Frauen statt, das sogenannte Women-only-Training. Zu Beginn machten nur sehr wenige Frauen davon Gebrauch. Rasch sprach sich aber das schweizweit einzigartige Angebot herum und so stieg die Anzahl der Boxerinnen bald auf etwa 40. Zu dieser Zeit wurde jedoch nur Fitnessboxen angeboten. Das Wettkampfboxen wurde erst zehn Jahre später, 2002, ins Kursprogramm aufgenommen. 


Das erste Kapitel im Schweizer Frauenboxsport schrieb die Bernerin Christina Nigg. 1996 stieg sie als erste Schweizerin in den Ring, obwohl Amateurboxen dazumal für Frauen noch nicht zugelassen war. Anstatt im Ring kämpfte sie zuerst einmal um Anerkennung eines Reglements sowie Erteilung einer Boxlizenz für Frauen als Amateurinnen beim Schweizerischen Boxverband. Durch überzeugende Argumente von Christina Nigg wurde das Amateurboxen im selben Jahr zugelassen. 1998 feierte die Bernern ihren ersten Weltmeistertitel im Profiboxen – notabene mit einer Lizenz des amerikanische Boxverbands, da sich der Schweizer Verband bis 1999 Zeit liess, das Profiboxen für Frauen zuzulassen. Mit diesem grossen Sieg schrieb sie in der Schweiz Boxgeschichte. Zwei Jahre nach diesem Titel trat sie als Profiboxerin zurück. 


Frauenboxen wird olympisch 


Ab 2005 konnte die Schweiz im Frauenboxen europäisch gut mithalten. Angelo Gallina, der unterdessen rund zwanzig Amateurboxerinnen, darunter beispielsweise Sandra Brügger (CH), Sarah-Joy Rae (JAM) und Nadja Barriga(BOL) unter seine Fittiche genommen hat, nahm mit den drei Frauen an vielen internationalen Turnieren teil und konnte mit ihnen zahlreiche Erfolge feiern (mehrere CH-Meistertitel, Erfolge an Internationalen Turniere sowie ein Vize-Europameistertitel durch Brügger 2007). Die Ausgaben wurde durch den Boxclub Basel finanziert, Gallina arbeitete ohne Lohn. Dabei waren die Turniere der kleinste Aufwand. Die Zeir für die Vor- und Nachbereitungen der jeweiligen Kämpfe und Turniere , welche zahlreiche Trainingseinheiten, Vorbereiitungskämpfe und Einzeltrainingseinheiten beinhaltete, waren stets mit grossem Zeitaufwand verbunden. Dabie kam noch hinzu, dass alle beteiligten einer regelmässigen Arbeit nachgingen. Im Jahr 2009 kam Bewegung in den Frauenboxsport. Das International Olympic Commitee (IOC) fällte den Entscheid, dass Frauenboxen olympisch wird. Durch diesen Beschluss fingen viele Länder an, boxsportlich aufzurüsten. Der Schweiz fehlten im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern die finanziellen Mittel, ebenso war der Schweizerische Boxverband nicht bereit das Frauenbudget anzupassen. Das Gegenteilige war der Fall, das Budget wurde gekürzt. 
Da der Boxclub Basel vom Verband keine grosse Unterstützung erhielt, musste der Verein selbst für sich schauen. Gallina arbeitete ohne Entgeld am Projekt mit. Der Boxclub Basel investierte über dieser Zeit mehr als CHF 100'000 ins Frauenboxen. Dies reichte jedoch bei weitem nicht, die Wettkampf- und Reisekosten zu decken. So mussten die Boxerinnen oft auch selbst Geld investieren. „Solche Verhältnisse kannte man vor allem in den osteuropäischen Ländern überhaupt nicht. Dort waren grössere finanzielle Mittel vorhanden. Alle anfallenden Kosten konnten dort ohne weiteres gedeckt werden. Von einer Etablierung des Frauenboxens wie im Osten können wir in der Schweiz nur träumen “, so der ehemalige Frauenbox-Nationaltrainer Angelo Gallina. 


Frauenboxen bleibt eine Randsportart 


Frauenboxen hat in der Schweiz einen sehr schwierigen Stand. Auch das Männerboxen zählt in unserem Land immer noch zu den Randsportarten. „Solange die internationalen Erfolge ausbleiben, wird dies auch noch so bleiben“, prognostiziert der Basler Boxexperte und fügt hinzu „ Das allein die Teilnahme an einer EM oder WM -wofür es keine Qualifikation bedarf- keine grosse Sensation mehr darstellt“. Die Berichterstattung über das Frauenboxen habe in den Jahren zwar zugenommen, doch dies auch nur aufgrund von Erfolgen, wie zum Beispiel der Silbermedaillengewinn von Sandra Brügger an der Europameisterschaft 2007 in Dänemark. Damit hat sich das Frauenboxen Respekt verschafft. Berichterstattungen über das Frauenboxen sind wichtig für den Sport meint Angelo Gallina. Er erinnert sich auch an die Anfangszeiten, wo nicht mal die Ergebnisse der Damen publiziert wurden oder auch an die zahlreichen Frauenboxturniere die in Basel stattfanden, wo auch vereinzelt mehr als 120 Boxerinnen aus 11 Nationen teilnahmen. Auch hier blieben die Berichterstattungen aus, obwohl dies damals in Europa einzigartig war. 


Berichte über Schweizer Profiboxerinnen dienen dem Frauenboxsport. Die sportliche Relevanz der Ergebnisse ist jedoch von geringem Wert, meint Angelo Gallina, da sich hier nur ganz wenige Frauen weltweit um Europameister- oder gar Weltmeistertitel messen. Die besten Boxerinnen boxen noch bei den Amateuren, da dort mehr Geld verdient und mehr geboxt wird. 
Bleiben jedoch die sportlichen Erfolge aus, gerät der Sport wieder in den Hintergrund. Vereinzelte Berichte wo sich männliche Medienschaffende in das Frauenboxtraining einbringen und sportlich untergehen, oder auch Bilder mit Boxerinnen wo es mehr um die weiblichen Formen geht als um den Sport mögen zwar Publikumswirksam sein, sind jedoch nicht Nachhaltig gewinnbringend für das Frauenboxen oder der Rolle der Frau beim Boxen. 


Angelo Gallina kann sich an eine Aussage eines Verbandsmitgliedes erinnern, der einmal in einem Interview sagte, er sehe die Frau lieber auf seinem Schoss als im Ring. Diese Aussage sei sinnbildlich für die Situation des Frauenboxens in der Schweiz. 


In den letzten Jahren hat vor allem das Fitnessboxen extrem an Beliebtheit gewonnen. Dort geht es vor allem darum, mit einem Ganzkörpertraining auf abwechslungsreiche Art die Kondition auf Vordermann zu bringen. Man trainiert wie ein Boxer, jedoch ohne gegeneinander zu kämpfen. Viele Kurse sind völlig ausgebucht. „Wenn man sich fürs Amateur- oder sogar Profiboxen entscheidet, muss man bereit sein, enorm viel zu investieren. Es braucht Zeit, Willen, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und nicht zuletzt auch Geld. Es sind nicht alle bereit, diesen Aufwand auf sich zu nehmen.“ 


Gallinas persönliches Ziel war es, das Frauenboxen im Boxclub Basel langfristig zu festigen. Eines seiner sportlichen Ziele hat er vor zwei Jahren verpasst. Er wollte sich mit seinem trinationalen Frauenbox-Kader (Schweiz,Bolivien und Jamaica) für Olympia 2012 qualifizieren. Vier Jahre lang habe er mit ihnen daran gearbeitet und an vielen Vorbereitungsturnieren teilgenommen, zahlreiche Zusatztrainings durchgeführt und viel Zeit und Geld investiert . Gereicht hat es jedoch allen Aufwänden zum Trotz nicht. Auch eine Qualifikation für die nächsten olympischen Spiele 2016 sieht er als illusorisch an. „Es fehlen internationalen guten Ergebnisse, klare Strukturen und nicht zuletzt die finanziellen Mittel.“ Der Schweizer Boxverband hält für mehrere Frauen zusammen ein Budget von 5'000 Franken pro Jahr bereit. Ein Vergleich dazu: In Irland verfügt die Weltmeisterin alleine über ein durchschnittliches Jahresbudget von 120'000 Franken.

 
Weit weg von Gleichberechtigung 


Was das Thema Gleichberechtigung beim Boxen betrifft, hat die Schweiz noch Entwicklungspotential. An vielen Turnieren gibt es keine separaten Frauengarderoben für die Kontrahentinnen, auch würden sich dort dann auch die Trainer aufhalten. Zudem werden die obligatorischen Arzt- und Gewichtskontrollen bei Turnieren von Männern durchgeführt. Im schlimmsten Fall müssen sich die Frauen dabei bis auf die Unterhosen ausziehen. Dies sei ein absolutes No-Go, findet Angelo Gallina. Verständlicherweise würde das bei vielen Frauen ein Schamgefühl auslösen. Es gibt auch Vertreterinnen die sich an diesen Umständen nicht stören. Bei Internationalen Turnieren herrschen solche Zustände schon lange nicht mehr. Dort werden solche Kontrollen von Frauen oder in abgeperrten Bereichen durchgeführt. „Der Aspekt der Würde und Gleichberechtigung ist noch nicht vollständig etabliert. Für das braucht es in der Schweiz wahrscheinlich noch einige Jahre.“ 


Bis dahin wird das Frauenboxen weiterhin um Anerkennung kämpfen. Die heute rund 40 Amateurboxerinnen werden versuchen, durch gute Leistungen das Frauenboxen bekannter zu machen und den Sport in der Schweiz zu etablieren. Eine Medaille an der EM oder eine Qualifikation für die Olympischen Spielen würde dabei sicher helfen. 


Fabienne S.